Jojo Moyes: Die Frauen von Kilcarrion

Plötzlich gab es etwas, das für eine etwas andere Art von „Freizeit“ sorgte. Leerlauf, ruhige Tage oder einfach einmal gar nichts tun, fiel aus- und tut es bis heute. Ich bin im Januar Mama eines Sohnes geworden. Ich habe mich in das größte Abenteuer meines Lebens gestürzt und habe ehrlich gesagt nicht die leiseste Ahnung davon, was ich hier eigentlich tue. Aber so ist dieses „Elternsein“ scheinbar, gepaart mit einer riesigen Portion Verletzlichkeit, Spaß und Liebe, die jeden Tag wächst. Wenn das Herz und der eigene Alltag so übervoll mit diesen Dingen ist, bleibt kaum Platz zum Lesen. Ich habe mir in den letzten Monaten jede einzelne gelesene Seite in der Badewanne, oder manchmal sogar ganz verrückt auf dem Sofa, erkämpft, müde Augen inklusive. Umso schöner ist es jetzt mit euch wieder einen Leseeindruck teilen zu können, denn so ganz wollte ich mein zweites „Baby“, Teil dieses Blogs zu sein, nicht aufgeben. Jojo Moyes gehört schon eine ganze Weile zu meinen Lieblingsautorinnen, die letzte Rezension zu einem ihrer Bücher findet ihr hier. Sie ist übrigens auch der Grund, wieso sich die „Booklettes einst zusammengefunden haben- und sie ist jetzt  der Grund, weshalb ihr hier wieder eine neue Rezension lest. Passenderweise dreht sich alles um eine Familie.

Drei Generationen mit eigenem Gepäck

Es gibt bei Gesprächen mit seinen Großeltern über vergangene Zeiten zwei Szenarien: entweder kommen sie aus dem Reden gar nicht mehr heraus oder sie verlieren sich in kryptischen Phrasen, wie „Wir hatten es nicht leicht, aber wir haben das Beste daraus gemacht.“

Für Sabine ist Joy Ballantyne, ihre Großmutter, ein Buch mit sieben Siegeln, als sie in den Ferien nach Irland auf das Familiengut Kilcarrion kommt, um vor dem Chaos des Liebeslebens ihrer Mutter Kate in London zu fliehen. Als Teenie hat sie es schon schwer genug, da braucht sie nicht auch noch eine strenge Großmutter, die scheinbar nur ihren Pferden gegenüber Gefühle zeigt und auch sonst einen sehr angestaubten Lebensstil auf dem Land. Keine der drei Frauen hat eine enge emotionale Beziehung zueinander, dafür aber genug Probleme aus der Vergangenheit, die die Gegenwart durcheinander wirbeln. Ein früheres Leben im fernen Asien, eine unerwartete Schwangerschaft und ein Leben voller Leere spicken die Biographien der Frauen der Ballantynes. Im Laufe der Zeit kommen Geheimnisse ans Licht, die die Familienmitglieder in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen und die Beziehungen zueinander neu knüpfen lassen. Kann man sich tatsächlich nach vielen Jahren noch einmal neu kennenlernen und an einem anderen Ort neu beginnen?

Ein Debut mit Luft nach oben

Ja, „Die Frauen von Kilcarrion“ ist tatsächlich das Debut von Jojo Moyes, allerdings wurde es jetzt neu übersetzt und aufgelegt, und steht deshalb im Buchladen eures Vertrauens sicher schon längst an der Wand der Bestseller. Ich finde, dass ihr eigener Stil schon sehr deutlich durchkommt, allerdings längst nicht so rund und stimmig, wie spätere Romane. So ziemlich jeder hat wohl mindestens eine Person in der eigenen Familie, zu der man, warum auch immer, eine etwas unterkühlte Beziehung hat. Darum kann der Leser die Emotionen der weiblichen Hauptcharaktere gegenüber ihren Müttern und deren Lebensumstände absolut nachvollziehen, was das Eintauchen in das irische Landleben recht einfach macht, auch, wenn wohl der Großteil der Leserschaft sicher keine Erfahrung beim Jagen oder der Pferdezucht hat. Die Konflikte untereinander sind mitreißend und echt. Die Dialoge, vor allem die Streitereien, könnten tatsächlich in einem Nebenraum aufgeschnappt worden sein und wurden einfach 1:1 übernommen. Auch, wenn Joys Lebensgeschichte in Rückblenden eingebaut wird, stören diese nicht den Lesefluss, der von der ersten bis zur letzten Seite leicht von der Hand ging. Ich mochte es den Charakteren bei deren Entwicklung zuzusehen. Auch, wenn es auf den ersten Blick nicht deutlich ist, haben die drei Damen mehr gemeinsam, als diese wohl vermuten. Es gibt für mich nur einen kleinen Mangel, der aber in den späteren Romanen von Jojo Moyes behoben wird. Mir hat das Ende absolut nicht gefallen. Erst baute sich der Spannungsbogen recht ausführlich auf, die Probleme und Beziehungen wurden aufgezeigt und verzweigt miteinander verwoben, jedoch kam das Ende für mich dann zu abrupt und einfach. Es schien plötzlich nichts mehr schwierig, wie noch kurz zuvor, es fehlte nur noch der Abspann mit Streicherorchester und einem Sonnenuntergang, in den jemand versonnen reitet. Bei aller Liebe zu leichter Literatur, das Ende hätte auch etwas mehr Biss vertragen. 

Autor: Jojo Moyes

Verlag: Rowohlt

Bewertung: 4 von 5 Sternen

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