Buchcover Eleanor Oliphant neben Blumentopf

Gail Honeyman: Ich, Eleanor Oliphant

Ich hatte bereits über das Phänomen gesprochen, dass einen manche Bücher gefühlt verfolgen. So ging es mir mit „Ich, Eleanor Oliphant“ seit x Monaten. Die Coverfarbe in dezentem Knallgelb war einerseits nicht zu übersehen, aber auch in diversen sozialen Netzwerken, wurde darüber diskutiert. Okay, gewonnen. Ich dachte, es wäre gar nicht so schlecht zu diesem Anlass mal wieder etwas in der Originalsprache zu lesen, weil ich mir einbilde, dass ich so meine Englischkenntnisse einigermaßen fit halte. Komischerweise habe ich nicht einmal im Vorfeld recherchiert, worum es überhaupt in diesem Roman geht. Also hieß es: gesehen, gekauft, gelesen. Oftmals bereut man genau dieses Vorgehen..

Von Schneckenhäusern und Ängsten

Eleanor Oliphant ist sicher nicht der Prototyp einer Frau der Gegenwart. Sie ist auch nicht die typische Büroangestellte, Kollegin oder Freundin von jemandem. Sie ist wohl das, was man „besonders“ oder „speziell“ nennt, zumindest auf den ersten Blick. Lernt der Leser Eleanor Seite für Seite kennen, erfährt er, dass sie eine Kämpferin ist und vor allem sehr einsam. Ihr Leben besteht aus ihrer täglichen, fast schon jämmerlichen Routine, den Gang zur Arbeit und das Trinken von jede Menge Wodka inbegriffen. Sie bleibt weitgehend unauffällig in ihrer Umgebung, scheint sie doch durch eine große Narbe im Gesicht „entstellt“ und „hässlich“. In ihrer Vergangenheit muss es einen Zwischenfall gegeben haben, der sie derart traumatisiert hat, dass sie sich zu der menschenscheuen Person entwickelt hat, die sie heute ist. Man taucht also mitten in Eleanors Leben ein und bekommt eine Lebensversion serviert, die teils weltfremd, teils naiv und vor allem besorgniserregend ist. Erst als sie Gefühle für einen Musiker entwickelt, scheint sie aus ihrem Schneckenhaus zu kriechen und sich ein neues Leben zu erarbeiten.

Aufwühlend und bewegend

cover eleanor oliphant auf einer treppe mit kakteenEs ist sicher nicht schlecht, dass ich im Vorfeld nicht zum Inhalt recherchiert habe und somit keine Erwartungen an den Roman hatte. Durch die ersten Seiten habe ich dennoch regelrecht gekämpft und hatte große Probleme in einen Lesefluss zu kommen, was aber nicht an der englischen Sprache lag, sondern an der Erzählperspektive der Protagonistin und deren Eigenheiten ihren tristen Alltag zu schildern und ihre Weltansicht zu teilen. Wow! Wenn ich Eleanor live erleben würde, könnte es sein, dass ich aufpassen muss, dass mir nicht der Mund offen stehen bleibt. Egal, wie gut sie sich ausdrücken kann, ich habe mich sehr oft beim Lesen über sie aufgeregt und gewundert, wie jemand so leben kann. Das mag jetzt intolerant klingen, aber ich finde es sehr faszinierend, dass eine fiktive Person, und ihr zurückgezogenes Leben, mich dermaßen aufwühlen kann. Ich fragte mich regelmäßig, ob es wohl tatsächlich möglich ist, dass jemand so lebt und niemandem fällt es auf, dass womöglich etwas nicht stimmt.

Als Leser möchte man natürlich erfahren, welche traumatisierenden Ereignisse Eleanor zu diesem Verhalten gebracht haben. Richtig Schwung nimmt die Handlung leider erst zum Ende hin auf, bis dahin ist es ein langer, zäher Weg, der über zarte Freundschaftsbande bis zum obligatorischen, optischen Make-Over führt. Richtig klar ist mir die Botschaft der Geschichte leider nicht geworden, vielleicht ist sie auch irgendwo im Handlungssumpf verloren gegangen. Natürlich ist es schlimm, wenn Menschen einschneidende Erlebnisse traumatisieren und natürlich benötigt es professionelle Hilfe, die aber auch erst von den Betreffenden selbst verlangt werden muss, um dort anzusetzen, wo es nötig ist. Aber möchte ich als Leser zunächst in aller epischer Breite mitleiden, den Kopf schütteln und betroffen sein? Vielleicht. Für mich persönlich war dieser Anteil des „Mitfühlens“ leider  zu groß, um mich auch ganz nebenbei unterhalten zu fühlen. Einzig die ernst gemeinte Zuneigung einiger Charaktere, und deren Wertschätzung für Eleanor als Person, hat mich „durchhalten“ lassen und geben der Geschichte eine warme Beinote.

 

Autor: Gail Honeyman

Bewertung: 3 von 5 Sternen

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