cover unsere glücklichen tage mit alter kanne

Julia Holbe: Unsere glücklichen Tage

Der Sommer 2020 ist definitiv ein Besonderer. Für die meisten fällt Urlaub außerhalb Deutschlands dank Corona flach. Zu groß ist das mulmige Bauchgefühl oder die Angst bei einem spontanen Lockdown nicht mehr zurück nach Hause zu kommen. Wessen  Angehörige zu einer so genannten „Risikogruppe“ gehören, und sie schlimmstenfalls nicht besuchen darf, befindet sich quasi in Daueralarmbereitschaft. Wir denken wehmütig an die freien Tage im letzten Jahr zurück, als es völlig normal war sich in einem überfüllten Café zu verabreden, sich zur Begrüßung zu umarmen und als man Desinfektionsmittel gedanklich eher dem medizinischen Bereich zuordnete. Jetzt versuchen wir aus der Situation das Beste zu machen, sich trotz schwankender Fallzahlen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und zumindest ein bisschen Sommerstimmung zu tanken, was auf einem Minibalkon mit Plantschbecken direkt an der stark befahrenen Straße gar nicht so einfach ist. Ich habe mich in den letzten aufregenden Wochen auch zunächst eher aufraffen müssen, um mal wieder zu lesen. Zu groß war die alltägliche Informationsflut, die eingeordnet werden musste. Erst durch den Klappentext von Julia Holbes „Unsere glücklichen Tage“, und den leicht sentimentalen Gedanken zurück an einen vergangenen Sommer, konnte ich endlich versuchen die Realität hinter mir lassen. Aber habe ich mich vielleicht zu früh gefreut?

Wehe, es kommt ein Mann ins Spiel

Es ist eine besondere Freundschaft zwischen den jungen Frauen Lenica, Fanny, Marie und Elsa, die im jährlichen gemeinsamen Sommerurlaub an der französischen Atlantikküste noch festere Bande knüpft. Die herrlich wilde und freie Zeit wird geprägt von süßem Nichtstun, in den Tag hinein leben, Baden, viel Gelächter und dem Philosophieren, was das Leben später mit sich bringt. Die Tage scheinen nur so dahin zu fließen, bis Lenica eines Tages Sean mitbringt und nichts mehr ist, wie es einmal war. Viele Jahre vergehen bis sich die Frauen eines Tages plötzlich wieder begegnen. Nur langsam tasten sie sich an die Erinnerungen und Geschehnisse der gemeinsamen Jahre heran. Es beginnt die Auseinandersetzung mit Verlust, Schmerz, Verrat und Geheimnissen und der Frage, ob dennoch neue gemeinsame Erlebnisse die Bande der Freundschaft wieder knüpfen können.

schwarzer labrador mit buch unsere glücklichen tageFazit: War das schon alles?

Ein Roman, der von Freundschaft handelt und dem Beweis, das es Männer dann doch irgendwie komplizierter machen, sobald sie in eine Mädelsrunde kommen. Es ist nicht ganz einfach meinen Leseeindruck in diesem Fall zusammen zu fassen. Ich fange darum damit an, dass dieser Roman definitiv Lust auf Urlaub an der Atlantikküste macht. Die Gegend und das Flair werden so detailliert beschrieben, dass man das Gefühl hat, die salzige Luft zu riechen und die, tatsächlich permanent erwähnten warmen Croissants, zu schmecken. Die Handlung wird aus der Sicht von Elsa erzählt und einige Rückblicke in die vergangenen gemeinsamen Sommer vor Ort, setzen das Puzzle der besonderen Freundschaft und den Ereignissen langsam zusammen. Apropos Charaktere: theoretisch müssten die Damen in der Gegenwart mindestens 10-15 Jahre älter sein als ich selbst, doch bei einigen Dialogen, Reaktionen und Handlungen hatte ich eher das Gefühl, man hat es mit überdrehten Teenagern zu tun, die übrigens auffällig oft dem Alkohol zugetan sind. Darum hatte ich so meine Mühe eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Besonders was die schwierige Beziehung zwischen Sean und Elsa, bzw. auch den anderen Damen der Runde angeht. Für mich zog sich das Hin und Her zwischen den beiden quälend lang und wirkte auch nicht gerade realistisch auf mich. Welche Frau würde tatsächlich in dieser seltsamen Art und Weise, und vor allem so dermaßen lange, mit sich umgehen lassen? Klar, er ist der mysteriöse Künstlertyp, Marke „Komm´ mir bloß nicht zu nah“, damals und heute. Aber das machte es für mich dann schon fast zu offensichtlich, wie sich die Dinge dann schließlich entwickelten. Vom Ende war ich darum dann auch enttäuscht. Wer sich nach so langer Zeit wiedersieht, und entsprechend viel erlebt und sich weiterentwickelt hat, kann also einfach so weitermachen, wo man vor x Jahren aufgehört hat und benimmt sich noch genau so, wie mit 18? Und noch etwas Komisches: das Ferienhaus in Frankreich stand angeblich jahrelang leer. Dennoch ist alles sofort wieder benutzbar, inklusive Bettwäsche und Handtücher. Von einem Moment auf den anderen ist alles bezugfertig. Das würde ich, die privat gerade auf Immobiliensuche ist, auch gern einmal erleben!

Ich hatte richtig Lust auf ein gutes Sommerbuch, das mich aus dem Alltag reißt und nach Frankreich an`s Meer bringt. Zunächst war ich auch ganz gut dabei aber ich weiß nicht,… Ich bin einfach unzufrieden mit der Entwicklung der Geschichte, die so vielversprechend begann und dann, inklusive seltsamen Entwicklungen und langatmigen Dialogen, langsam vor die Wand gefahren wurde. 

 

Autor: Julia Holbe

Verlag: Penguin

Bewertung: 3 von 5 Sternen

 

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