Michelle Obama: Becoming

cover-michelle obama-becoming-rezension-the booklettesEs ist das meistverkaufte Buch des Jahres 2018 in den USA. Es ist ihre Autobiografie. Es ist der aufgeschriebene Lebensweg der ehemaligen First Lady Amerikas, vom armen Vorort Chicagos bis zum Leben im Weißen Haus. Mit einer Startauflage von 200 000 Exemplaren kann man sich in etwa vorstellen, wie viel Zulauf sich der Goldmann Verlag von diesem Werk erhofft, kein Wunder bei dem internationalen Interesse und der Masse an Vorbestellungen weltweit. In 31 Ländern ist „Becoming“ zeitgleich erschienen, 6 Dolmetscher haben an den über 500 Seiten gearbeitet. Große Erwartungen also auch meinerseits…

Autor: Michelle Obama

Verlag: Goldmann Verlag

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Private Einblicke und Tiefschläge

Den Titel des Buches, bzw. das Wort „Becoming“ kann man ja mehr oder weniger mit „Werden“ übersetzen. Michelle Obama schreibt in diesem Buch darüber, wie sie zu der Frau wurde, die sie heute ist. Ärmliche, räumlich beengt lebende Verhältnisse in der Chicagoer Southside, der starke Wille in der Schule besser zu sein, als die anderen und der Vorteil, wenn man einen großen, beliebten Bruder hat, prägen die Kindheit. Die Eltern verzichten zum Wohl der Kinder auf Vieles, unterstützen sie in ihren Träumen und fördern ihre Talente. Das könnte schon der Stoff aus einem Film sein, wäre die Realität nicht etwas gnadenloser. Offen erzählt sie von der MS-Erkrankung ihres Vaters, die damit verbundenen Einschränkungen, dem täglichen Kampf gegen die Krankheit und seine „Alles ist ok-Mentalität“, die er bis zu seinem viel zu frühen Tod bewahrte. Die Familie muss zusammenhalten- die Botschaft, die sie bis heute in die Welt trägt und auf jeder Seite deutlich wird. Aber der Spagat zwischen Job und Familie ist nicht einfach. 

„Geschmeidig wirkte mein Lebensgleichgewicht allenfalls aus der Ferne und wenn man dabei gleichzeitig die Augen zukniff, doch immerhin gab es überhaupt eines. (…) Mrs. Obama war ich nun schon seit zwölf Jahren, doch nun bedeutet das langsam etwas anderes. Zumindest in gewissen Kreisen war ich es jetzt auf eine Weise, die sich manchmal erniedrigend anfühlen konnte, eine „Missus“ definiert durch ihren „Mister„.

Liebe am Arbeitsplatz und der liebe Alltag

Wunderbar ehrlich werden die ersten Eindrücke beschrieben, als Michelle damals auf Barack trifft. Er ist der Praktikant mit Vorschusslorbeeren in der Kanzlei, in der sie arbeitet. Sie ist seine Mentorin. Schlacksig, komischer Name, schlechter Modegeschmack, Raucher, unpünktlich. Und schon war er bei ihr durchgefallen. Wir kennen ja das Happyend, aber dennoch hat es eine ganze Weile gedauert, bis man sich annäherte, nicht zuletzt wegen des gemeinsamen Arbeitgebers, der sich jedoch erstaunlich entspannt zeigte. Problematisch war später eher immer wieder die große räumliche Distanz, zunächst durch das weitergeführte Studium Baracks, später durch sein politisches Arbeiten und ihr Engagement in der Black Community und ihren Jobs, u.a. in der Öffentlichkeitsarbeit und als Anwältin. Probleme den Alltag als Mutter meist allein mit zwei kleinen Kindern zu bewältigen, und das Gefühl von Unverständnis bringen die Obamas schließlich zur Paartherapie. Ja, auch dieses scheinbar perfekte Paar arbeitet an seiner Ehe. Oh, Wunder! Und die ganze Welt schreit bestürzt auf. Endlich mal eine, die dazu steht! 

Fazit: Becoming

Ich bewundere einige Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen. Dazu gehört, z.B. neben Sheryl Sandberg und Ellen DeGeneres, auch Michelle Obama. Ich habe sie zum ersten Mal bewusst im Wahlkampf ihres Mannes für das Amt des Präsidenten wahrgenommen, als sie ihn zu einer Ansprache begleitete und ich das Ganze im Fernsehen verfolgt habe. Während Barack Obama rhetorisch glänzte, tat sie es durch ihre Präsenz und ihren Charme. Sie stand einfach nur einen Schritt hinter ihm und war für mich dennoch in dem Moment im Fokus des Bildes, was mich sehr fasziniert hat. Von da an habe ich mit Interesse ihre Arbeit verfolgt, die Projekte, die sie umsetzte und die Termine, die sie in der Öffentlichkeit stets mit Charisma und einem Augenzwinkern, anstatt überdimensionaler weiser Worte, absolvierte. 

Diese Autobiografie hat mir nicht nur sehr private Einblicke in Erlebnisse und Gedanken der ehemaligen First Lady beschert, sondern mir auch verdeutlicht, wie Michelle Obama zu der Person wurde, die sie ist. Es wird klar, woher ihre Wurzeln und Werte stammen, wie sich ihr Ehrgeiz erklären lässt und welche Einschnitte in ihrem Privatleben sie wachsen ließen. Als ihre Collegefreundin Suzanne starb, war das wie ein Weckruf das Leben so intensiv wie nur möglich zu leben, alles mitzunehmen und die Chancen zu nutzen, die sich bieten. Die Offenheit über die Themen Fehlgeburt, In-vitro-Fertilisation und der starke Einfluss der Politik auf das Privatleben haben mich überrascht, hatte ich doch eher zumindest damit gerechnet, eine etwas weichgespülte Version des Alltags zu lesen zu bekommen. Sehr unterhaltsam wird dieser allerdings vor allem im Weißen Haus dargestellt, gibt es dort von eigener Bowlingbahn bis zum Floristen auch immer wieder Hauspersonal oder Sicherheitsmitarbeiter, die es auszublenden gilt. 

Ich konnte vieles emotional gut nachvollziehen. Vorwürfe, die man sich im Laufe des Lebens macht, vertane Gelegenheiten, Abschiede für immer, aber auch schöne Momente, die man versucht für immer zu speichern. Das macht Michelle Obama für mich persönlich noch sympathischer. Eins wurde für mich deutlich: hier hat nicht nur eine Frau sehr ehrlich und fesselnd ihr Leben aufgeschrieben, sondern sie hat ein Statement gesetzt, dass sie ihr Leben lang eigentlich nur eine Rolle haben wollte, und sie bis heute, neben ihren diversen Jobs, am besten erfüllt: Mutter sein. 

 

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